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Kai Uwe Schierz: Lyrische Porträts

Das Interesse von Henriette Kriese für verborgene Lebenswelten mitten in unserem Dasein führt notwendig zu der Herausforderung, Barrieren zu überwinden und Begegnung zu initiieren. Indem sie sich speziellen Soziotopen nähert, individuelles Leben in den jeweiligen Kontexten beobachtet und in fotografischen Bildern vergegenständlicht, positioniert sie sich als Forscherin im Inneren unserer Gesellschaft wie auch als Mittlerin zwischen der Welt der Betrachter und der betrachteten, der ‚anderen‘ Welt.

Was bedeutet „lyrisch“ im Zusammenhang mit „Dokumentation“ bzw. „documentary style“? Es geht dabei nicht nur um eine Haltung, die im Unscheinbaren und Alltäglichen poetische Momente und Erscheinungsformen des Schönen entdecken will. Es geht ebenso um das Bekenntnis des Künstlers, sich als ein ‚lyrisches Ich‘ im komprimierten Aussprechen von Welt bzw. Hinzeigen auf Welt immer auch selbst auszusprechen und zu bedeuten. Es geht um eine starke Autorenposition, die sich als formgebende und damit interpretierende Instanz zu erkennen gibt, selbst wenn sprachlich bzw. bildlich scheinbar nur die Beobachtung eines Ausschnitts der Wirklichkeit evoziert wird.

Der Ausdruck „lyrische Dokumentation“ ist schließlich auch geeignet, die Arbeitsweise von Henriette Kriese näher zu charakterisieren. Einfühlsames Beobachten auf der einen Seite korrespondiert mit der Intention, im Betrachter ebenfalls emphatische Reaktionen zu wecken.

Die Künstlerin interpretiert und bewertet, wenn sie fotografiert. Beim Blick durch die Kamera wählt sie Motive aus und später, am Computer, die zueinander passenden Bilder; sie komponiert Bildausschnitte, organisiert den Bildraum durch den bewussten Einsatz von Objektiven und Schärfenebenen. Sie erzeugt Stimmungen über Helldunkelverteilungen und Farben, weckt im BetrachterEmotionen, die ihre eigene Perspektive auf den gewählten Gegenstand widerspiegeln. Dennoch wirken die Fotografien nicht konstruiert, sondern wie aufmerksame Beobachtungen von Personen, Landschaften und Interieurs. Jede Aufnahme hat ihr spezifisches Thema, ihre eigene Präsenz. Doch die Serie bedeutet mehr als die Summe der Einzelbilder. In ihr formuliert sich eine Tendenz – nicht direkt, sondern als durchgehende Stimmung. Man kann in den Fotografien von Henriette Kriese ‚lesen‘: Gesichter, Haltungen, Kleidung und räumliche Konstellationen deuten. Man kann sie aber auch empfinden, wie ein Resonanzkörper auf den Grundton, die Grundstimmung der Serie reagieren, ohne sich rational darüber Rechenschaft zu geben. So sprechen die Farben unser Empfinden an, noch bevor wir uns der Bildinhalte richtig bewusst werden.

Kai Uwe Schierz: Lyrical portraits

Henriette Kriese’s interest in hidden living environments in the midst of our existence leads necessarily to the challenge of overcoming barriers and initiating encounters. By approaching specific sociotopes, observing individual life in the respective contexts and objectifying them in photographic images, she positions herself as a researcher in the interior of our society as well as a mediator between the world of the viewer and the viewed, the ‘other’ world.

What does “lyric” mean in the context of “documentation” or “documentary style”? It is not just an attitude that seeks to discover poetic moments and manifestations of the beautiful in the inconspicuous and the everyday. It is also about the artist’s commitment to expressing herself as a “lyric ego” in the compressed utterance of world or pointing to the world. It is about a strong author position, which reveals itself as a form-giving and therefore interpretive instance, even if it seems that only the observation of a section of reality is evoked verbally or figuratively.

Finally, the term “lyrical documentation” is also suitable for further characterizing Henriette Kriese’s method of working. Sensitive observation on the one hand corresponds to the intention to arouse emphatic reactions in the viewer as well.

The artist interprets and evaluates when she takes pictures. When looking through the camera she selects subjects and later, at the computer, the matching images; she composes picture excerpts, organizes the pictorial space through the deliberate use of objectives and levels of sharpness. It creates moods about light-dark distributions and colors, awakens in the viewer emotions that reflect their own perspective on the chosen object. Nevertheless, the photographs do not seem constructed, but like attentive observations of people, landscapes and interiors. Each shot has its specific theme, its own presence. But the series means more than the sum of the individual pictures. In it, a tendency is formulated—not directly, but as a continuous mood. In the photographs of Henriette Kriese, you can interpret faces, attitudes, clothing and spatial constellations. But you can also feel how a resonant body reacts to the keynote, the basic mood of the series, without being rationally accountable. This is how the colors appeal to us, even before we become properly aware of the image content.